HYROX & Körperbilder: Zwischen Leistungsdruck, Authentizität und echter Stärke
Funktioneller Wettkampfsport boomt. HYROX ist in aller Munde – und allen Social Media Feeds. Jede/r spricht darüber und über die eigenen Ziele, Zahlen und Erfahrungen.
Doch hinter Bestzeiten, Startnummern und Instagram-Posts verbirgt sich oft ein Thema, über das zu selten gesprochen wird: Körperbilder, Selbstzweifel und der Druck, einem bestimmten Ideal zu entsprechen.
Genau darüber spricht Host Max in der aktuellen Folge von ZONE Radio mit Noemi Naujoks, Athletin der Red Bull Road to HYROX by Zone.Fit. Freut euch über ein ehrliches, reflektiertes – und überraschend relevantes Gespräch, für alle, die trainieren, vergleichen und sich selbst manchmal zu hart beurteilen.
Inhalte des Artikels "HYROX Körperbilder"
Ich muss, ich muss, ich muss…
HYROX steht für Leistung, Schweiß und Gemeinschaft. Für Startnummern, Zielzeiten und das gute Gefühl, etwas extrem Herausforderndes geschafft zu haben. Doch während auf der Strecke alles messbar ist, passiert abseits davon etwas, das sich nicht in Sekunden oder Platzierungen ausdrücken lässt: der Blick auf den eigenen Körper – und der Vergleich mit anderen.
Zwischen Startnummer und Spiegelbild
Noemi erinnert sich noch genau an ihren ersten HYROX-Wettkampf in Wien. Die Aufregung war groß, die Vorfreude auch. Kurz vor dem Start geht sie auf die Toilette – ein beiläufiger Moment, der sich einprägt.
„Die Damen haben sich nochmal sehr zurecht gemacht“, erzählt sie. Und weiter: „Irgendwie war ich auch traurig, dass scheinbar Leute das Gefühl haben, sie müssen sich hübsch machen für eine sportliche Performance.“
Es ist kein Vorwurf, kein Urteil. Eher ein Moment des Nachdenkens und Refklektierens. Ein Moment, in dem sich eine Frage einschleicht, die viele kennen, aber selten aussprechen:
Passe ich hier überhaupt rein?
„Ich war kurz eingeschüchtert von dieser Schönheit im Raum und habe mich gefragt, ob ich von meinem Körperbild her überhaupt dazugehöre“,
Noemi
Der Gedanke vergeht. Der Wettkampf macht Spaß. Und doch bleibt er hängen – als Symbol für etwas Größeres.
Wenn ein Wettkampf zur Bühne wird
HYROX ist längst kein Nischenformat mehr. Was früher vor allem ambitionierte Functional-Fitness-Athlet:innen anzog, erreicht heute eine enorme Breite. Genau darin liegt die Stärke – und das Risiko.
„Durch Social Media rückt im Sport oft mehr die körperliche Ästhetik in den Vordergrund“, sagt Noemi. HYROX sei natürlich ein sportlicher Wettkampf, gleichzeitig aber auch „ein Event der Selbstinszenierung“. Für manche motivierend, für andere einschüchternd.
Max ordnet das ein. Schon früher habe es im Wettkampfsport klare Körperideale gegeben. Neu sei, dass HYROX so viele Menschen gleichzeitig erreicht. „Plötzlich wird ein sehr spezifisches Bild von Leistung und Körperlichkeit extrem sichtbar – und vergleichbar“, sagt er.
Red Bull Road to HYROX: Leistung ist nicht alles
Dass Noemi Teil der Red Bull Road to HYROX ist, wirkt von außen wie eine logische Konsequenz ihrer sportlichen Entwicklung. Für sie selbst fühlte es sich zunächst ganz anders an.
„Ehrlicherweise dachte ich zuerst, das ist ein Missverständnis“, sagt sie und lacht. Ihre Leistung beim Auswahlprozess sei nicht perfekt gewesen, auch weil sie krank war. Umso wichtiger war eine andere Qualität: Haltung.
„Ich glaube, ich bin mit meiner Art und Persönlichkeit aufgefallen“, sagt sie. Max bestätigt genau das. Es gehe bei dem Projekt nicht darum, nur die schnellsten oder stärksten Athlet:innen zu finden. „Es geht darum, Potenzial zu entwickeln – nicht nur Zahlen.“
Auch die Trainingsgruppe erlebt Noemi nicht als Konkurrenzfeld. „Es ist kein Kampf darum, wer besser ist“, sagt sie. „Die Leute haben Spaß am Sport.“ Jede:r verfolgt eigene Ziele, ohne permanenten Vergleich.
Der Druck beginnt selten von außen
Trotzdem – oder gerade deshalb – ist der innere Druck ein zentrales Thema. Leistungsorientierte Umfelder verstärken Fragen, die viele schon mitbringen: Bin ich schnell genug? Stark genug? Schlank genug?
Noemi beschreibt Social Media als Katalysator. Sie sieht Trainingsvideos, Erfolge – und fast immer Körper. „Oft ist das letzte Bild ein Spiegelbild mit Abs-Check oder ein ‚What I eat in a day‘-Video“, sagt sie. Die unterschwellige Botschaft sei problematisch: „Als würde suggeriert, dass man nur genau so essen und trainieren muss, um genau so auszusehen.“
Max ergänzt eine weitere Ebene, die besonders Männer betrifft: „Dieses ungeschriebene Gesetz, dass man ohne T-Shirt laufen muss, ist eigentlich ein Wahnsinn.“ Es schaffe Hürden für alle, die einfach teilnehmen wollen, ohne sich präsentieren zu müssen.
Zahlen, die mehr auslösen als sie sollten
Ein besonders sensibler Teil des Gesprächs dreht sich um Leistungsdiagnostik. Tests, Scans, Werte – eigentlich Werkzeuge zur Trainingssteuerung. Für Noemi jedoch war etwas anderes der größte Stressfaktor.
„Für mich war die größte Hürde der Bodyscan“, sagt sie. Nicht wegen der Messung selbst, sondern wegen der Bedeutung, die Zahlen bekommen. „Ich wusste, ich werde danach zu kämpfen haben.“
Dass Gewichtszunahme auch Muskelaufbau bedeuten kann, ist rational klar. Emotional aber tief anders verankert. „Mehr wiegen als Frau ist irgendwie etwas Schlechtes“, sagt Noemi offen. Ein Satz, der zeigt, wie stark alte Bilder noch wirken – selbst im leistungsorientierten Sport.
Max bestätigt das aus dem Studioalltag. Viele Menschen klammern sich an eine Zahl aus der Jugend, ein vermeintliches „Idealgewicht“. „Alles darüber wird automatisch als schlecht bewertet – egal, wie gesund oder trainiert man ist.“
Wann Motivation ins Extrem kippt
Beide sind sich einig: Natürlich spielt Aussehen eine Rolle. „Es wäre unehrlich zu sagen, dass es egal ist“, sagt Max. Entscheidend sei der Punkt, an dem Motivation kippt.
Problematisch wird es, wenn Pausen Angst machen. Wenn Training nicht mehr dem eigenen Wohlbefinden dient, sondern nur noch einem Ideal. Wenn Erschöpfung ignoriert wird, weil Stillstand gefürchtet wird.
Noemi formuliert es als persönliche Reflexionsfrage: „Für wen mache ich das eigentlich?“ Für sich – oder für ein Bild, für Likes, für Erwartungen von außen?
Ein Plädoyer für Bewusstsein statt Perfektion
Eine einfache Lösung gibt es nicht. Weder für Athlet:innen noch für Studios. Max spricht offen über die Verantwortung, aber auch über Grenzen. „Wir können Bewusstsein schaffen, ansprechen, begleiten – aber wir sind keine Therapeut:innen.“
Genau darin liegt vielleicht der Schlüssel: nicht alles lösen zu wollen, sondern sichtbar zu machen. Gespräche zu führen. Themen nicht zu tabuisieren.
Am Ende der Episode sagt Noemi einen Satz, der wie ein leiser Gegenentwurf zur perfekten Fitnesswelt klingt:
„Wir müssen uns nicht schön machen für sportliche Leistung. Darum geht es nicht. Sei einfach stolz, dass du es machst.“
Noemi
Fazit
HYROX misst Leistung in Kilometern, Wiederholungen und Sekunden. Doch das Gespräch mit Noemi zeigt: Der eigentliche Wettkampf findet oft im Kopf statt. Zwischen Vergleich und Selbstakzeptanz, zwischen Anspruch und Realität.
Vielleicht liegt die größte Stärke nicht darin, schneller oder definierter zu sein – sondern darin, sich nicht über Äußerlichkeiten zu definieren. In einer Sportwelt, die immer sichtbarer wird, ist genau das ein radikaler, notwendiger Gedanke.
Oder, wie Max es zusammenfasst: Weniger vergleichen. Mehr anerkennen. Für andere – und für sich selbst.